Verein zur Förderung persönlichen Wachstums e.V.

Der Verein hat seinen Sitz in Welschbillig (Nähe Trier/Luxembourg).

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Erwin Kreim

Stellungnahmen zur Finanz- und Wirtschaftskrise

 

 

Dr. Erwin Kreim

 

 

 

 

ZUR PERSON

Geb. 1939, wohnhaft in Mainz.
Dr. rer. pol., 40 Jahre in leitenden Funktionen von Banken tätig.
Autor mehrerer Bücher zum Kreditgeschäft.
Dozent der Frankfurt School of Finance and Management (Bankakademie HfB) und anderer Hochschulen. Berater für Unternehmensnachfolge.

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Der Überlebenskoffer meines Vaters

Der Überlebenskoffer
meines Vaters

Dokumentation über das Leben meines Vaters Georg Kreim (1896-1947). Gebunden, 136 S.

Diese Dokumentation ist unverkäuflich. Der Autor und der Verein zur Förderung persönlichen Wachstums e.V. freuen sich aber über eine Spende zugunsten des Vereins. Dann ist diese Dokumentation über das Seminarhaus SCHMIEDE erhältlich. Spendenkonto:

Volksbank Bitburg eG: IBAN DE54 5866 0101 0005 9007 53, BIC GENODED1BIT

 

Die Geschichte vom verlorenen Vertrauen

Ich habe über 40 Jahre in Banken gearbeitet und konnte über Kredite entscheiden. Ich gebe meinen Erfahrungen noch immer als Dozent weiter und schreibe darüber Bücher. Deshalb werde ich in diesen Zeiten der Finanz- und Bankenkrise immer wieder von Nicht-Bankern gefragt, wie konnte das passieren? Vielleicht kann die folgende Geschichte einige wichtige Zusammenhänge erklären.

Es war einmal eine Familie, die wollte in einem schönen Haus wohnen. Sie hatte aber noch nicht genug gespart, um es zu kaufen oder bauen zu lassen. Die Eltern waren zuversichtlich, dass sie künftig so viel arbeiten können, dass sie Geld übrig haben werden. So fragten sie bei einem Geldverleiher, ob dieser ihnen das Geld gibt, das sie mit Zinsen in vielen Jahren zurück zahlen wollen. Ebenso fragte der Fabrikant, bei dem der Vater arbeitete den Geldverleiher: Er wolle eine neue Fabrik bauen und neue Maschinen kaufen, damit seine Mitarbeitern mehr produzieren können, denn seine Produkte seien sehr gefragt.

Anderen Geld zu leihen, setzt natürlich voraus, dass die Verleiher den Empfängern vertrauen, dass diese das Geld zurückzahlen wollen (persönliche Kreditwürdigkeit) und zurückzahlen können (sachliche Kreditwürdigkeit). Weil das Vertrauen dabei eine ganz große Rolle spielt, nennt man dieses Verleihen: Kredit, das Wort leitet sich aus dem lateinischen Wort credere = vertrauen ab.

Die modernen Geldverleiher nennt man Banken: Die gibt es schon viele hundert Jahre und die Menschen, die dort arbeiteten, galten als sehr gewissenhaft, sachkundig und vertrauenswürdig. Bevor ein Mitarbeiter über Kredit entscheiden durfte, musste er viele Jahre lernen und Erfahrungen sammeln. Die Kreditdirektoren hatten viel Verantwortung und mussten auch ihre Mitarbeiter gut anleiten, damit möglichst wenig Fehler gemacht wurden.

Ein solcher Direktor erklärte einem jungen Mitarbeiter, der mit sehr guten Noten von einer Universität in die Bank kam, das Kreditgeschäft an folgendem Beispiel:

Kreditentscheidungen sind immer Zukunftsentscheidungen, ob die Entscheidung gut und richtig war, kann man oft erst nach 10 oder 20 Jahren feststellen, denn so lange dauert es oft bis die ganze Summe getilgt ist.

Das ist vergleichbar einem Seiltänzer: Er steht auf einem Mast und soll über eine weite Strecke über ein Seil gehen. Er übt zuerst in niedrigen Höhen, so dass es nicht besonders schlimm ist, wenn er herunterfällt. Dann trainiert er immer höher (mit größeren Beträgen).

Dabei prüft er natürlich auch, ob das Seil (der Kreditvertrag) fest und auf der anderen Seite (Kreditnehmer) sicher verankert ist. Natürlich kann es auf einem so langen Weg immer zu Wettereinbrüchen kommen, die das Seil schwanken lassen. Damit der Seilartist nicht herunterfällt, nimmt er eine Balancierstange mit (laufende Kreditüberwachung). Aber trotzdem kann natürlich der Sturm so stark werden, dass der Artist herunter geweht wird. Für diesen Fall spannt er ein Netz (Kreditsicherheiten), das ihn nicht vor dem Fallen schützt, aber er kann auch ein Fallen aus größeren Höhen (hohe Kredite) überleben.

Dabei muss der Chef der Hochseilartisten natürlich sehr darauf achten, dass nicht zu viele seiner Artisten gleichzeitig in die gleiche Richtung laufen, denn sonst könnte das Gewicht zu groß werden (Klumpenrisiken), und wenn viele gleichzeitig herunterfallen, kann vielleicht sogar ein großes Loch ins Netz reißen. Die Truppe hätte keine Artisten mehr, ihre Geschäftsgrundlage würde entfallen (Die Bank wäre pleite!).

So gab es in meiner Heimatstadt Darmstadt vor etwa 80 Jahren eine weit berühmte Artisten-Truppe die „DANATS“ (Darmstädter und Nationalbank). Die führten weltberühmte Hochseil-Kunststücke vor. Sie hatte viele Zuschauer (Kunden), die dem Können der DANATS vertrauten und so auch ihr Erspartes gegen Zinsen dort einlegten (Sparguthaben). Aber dann fielen plötzlich viele Artisten vom Seil. Das konnte das Netz nicht aushalten, es zerriss!

Nun standen lange Schlangen vor dem Turm der DANATS und wollten ihre Sparguthaben zurück, doch bald war das vorhandene Geld aufgebraucht und viele Zuschauer erhielten ihr Eintrittsgeld nicht mehr zurück.

Das hörten die Zuschauer anderer Hochseil-Truppen und gingen schnell auch hin, um ihr Erspartes zurückzuholen. Doch dann war auch dort das Geld alle – und viele Zuschauer waren über ihr enttäuschtes Vertrauen sehr verärgert und schimpften lautstark (demonstrierten).

Da sagte die Regierung: Wir brauchen Spielregeln für die Hochseil-Artisten, damit sie nicht zu waghalsig werden (Kreditwesengesetz von 1934). Eine Behörde beobachtete fortan die Hochseilartisten wie Schiedsrichter.

So langsam fassten die Zuschauer (Sparer) wieder Vertrauen.

So konnten die Banken sogar nach den großen Zerstörungen des Weltkriegs wieder Geld verleihen für den Wiederaufbau.

Bald kauften die Menschen mit Hilfe der Banken neue Autos, Möbel, und bauten Häuser.

Die Unternehmen konnten Arbeiter einstellen und es gab einen großen Wohlstand.

Natürlich kam es immer wieder einmal vor, dass ein Artist vom Seil fiel, aber aufgrund der allgemeinen Regeln waren die Netze so stark, dass sie alle auffangen konnten.

Aber die Welt der Artisten wurde immer größer, sie traten in ganz Europa auf und auch in Amerika und Asien. Dafür waren aber die Regeln nicht gedacht. Man brauchte eine Weltregel. Mitten in Europa gibt es ein Land mit hohen Bergen, das immer etwas besonderes sein will und sich nicht den Oberaufsehern in Brüssel unterordnet.

Weil die Bewohner des Landes aber durch die Umgebung der sehr steilen Berge es gewohnt sind, hoch hinaus zu klettern, behaupten Sie, schwindelfrei zu sein und deshalb besonders geeignet als Hochseilartisten. Ihr Land sei neutral und deshalb seien sie die geeigneten Weltschiedsrichter.

Also vereinbarten die Banken fast aller Länder in Basel neue Welt-Spielregeln (Basel II). Die Schiedsrichter aus Germanien (Bundesbank) wollte zwar viel strengere Spielregeln, aber die Globalplayer sorgten dafür, dass die Regeln viele Lücken hatten, durch die sie ungestraft schlupfen konnten.

Viele Länder übernahmen die Regeln sehr zügig (Germanien), andere ließen sich mehr Zeit, so das große Land, das sich aufgrund seiner Wildwest-Tradition nicht gern Regeln unterwirft.

Die germanischen Schiedsrichter mussten nun ihre guten alten Regeln 2005 mit einem kurzen Schreiben aufheben. Sie sagten zu den Oberartisten: Von nun an dürft ihr Euch eigenen Regeln geben, ihr seid dafür verantwortlich, dass sie gut sind (MARisk). Wir werden dann prüfen, ob sie auch wirklich ausreichend sind. Und so wurden immer neue Kunststücke erdacht und, ohne zu probieren, gleich in luftigen Höhen vorgeführt.

Ein besonders schwindelfreier Bürger des Landes mit den hohen Bergen behauptete, er sei ein besonders guter Artist, er wolle den Anderen zeigen, welche Kunststücke künftig möglich sind. Er zog in die lieblichen Auen entlang des Mains, wo schon die Franken eine Furt nutzten, baute gleich zwei hohe Türme in denen die sehr gewagten Hochseil-Kunststücke ausgedacht wurden. Viele applaudierten und überschütteten ihn mit Preisen. Er setzte Maßstäbe: Wer das ihm anvertraute Geld (Aktionäre) nicht mindestens mit 25 % verzinsen kann, ist kein guter Vorturner. Er hatte das im Land des Wilden Westens gelernt und forderte dies als künftigen Maßstab (Shareholder-Value) für alle Artisten-Truppen.

Die erfahrenen Artisten wiegten die Köpfe, ob das nicht zu gefährlich sei und so wurden sie kurzerhand mit der Verwaltung des Materials beauftragt oder aus der Artistentruppe entlassen. Absolventen von Hochschulen (High Potentials), die die Sprache des Wilden Westen bestens beherrschten und mit Power herrliche Bilder malen konnten (Power Point Charts) ersetzten sie.

Der Chef der Truppe sagte, ihr könnt ruhig auf dem Seil auch ohne Netz laufen, denn auf der ersten Strecke (unter 12 Monaten) fallt ihr nicht runter, dann werdet ihr einfach abgelöst.

Ihr müsst auch nicht mehr prüfen, ob das Seil gut verankert ist und stark genug, wir lassen das jetzt von Agenten (Ratingagenturen) prüfen. Denen zahlen wir viel Geld, damit sie sagen, das ist alles ohne Risiko. Und so geschah es:

Die Artisten wagten sich in immer größere Höhen, führten ihre Kunststücke vor allem auch in fremden Ländern aus, von denen die Agenten sagten, dort könne man besonders hohe Zinsen erhalten. Damit sie der Obrigkeit von ihren Gewinnen nichts abgeben müssen, zogen sie auf schöne Inseln in der Karibik.

Wenn die Agenten sagten, du brauchst keine Angst haben, wir haben alles in der Vergangenheit geprüft, dann fällt auch keiner in der Zukunft herunter, gingen die Artisten los, oft sogar mit verbundenen Augen. Das wurde zum Maß für alle anderen Globalplayer. Alle vertrauten blind den Agenten und überall wurden Seile gespannt über die Artisten turnten; sie erhielten sehr hohe Prämien, damit sie die Gefahren verdrängen konnten.

Aber als zu viele in die gleiche Richtung liefen, bekamen einige doch Angst und wollten nach 11 Monaten nicht weiter gehen. Neue Artisten waren auch nicht mehr zu Ablösung bereit und es passierte was passieren musste: sie drohten von den Seilen zu stürzen. Viele hatten in ihrem blinden Vertrauen auf die Agenten noch nicht einmal Netze aufgespannt und sie drohten in den Tod zu stürzen.

Die Chefs der Artisten riefen laut: Hallo ihr Netzflicker (Regierungen und Bafin), bringt schnell Netze damit es nicht zu viele Tote gibt. Die Schiedsrichter hatten große Angst, dass ihre Bürger zornig würden, weil die Schiedsrichter es versäumten hatten, bessere Regeln zu erlassen, ja sie hatten sogar weggeschaut, als die Höhen so hoch wurden, dass ein Absturz lebensbedrohend sein musste. Sie hatten es versäumt, dem profitgetriebenen Treiben Grenzen zu setzen. Deshalb mussten Sie nun überall als Netzflicker die schlimmsten Abstürze gerade noch auffangen.

Die Agenten wurden kleinlaut und sagten, ihre Noten hätten natürlich, wie bei Schulnoten, nur für die Vergangenheit gegolten. Sie hätten das nicht vorhersehen können. Die guten Noten hatten sich viele offenbar nicht durch ehrliche Leistungen erarbeitet, sondern durch „Spenden der Eltern“ ergattert.

Die Ober-Artisten zogen sich zurück; sie hatten genug verdient, um einen geruhsamen Lebensabend in Steueroasen sorgenfrei verbringen zu können.

Viele Zuschauer fühlten sich betrogen und wollten ihren Eintritt zurück (Spareinlagen), aber die waren sehr zusammengeschrumpft.

Die Vorsichtigen hatten schon immer den Banken in der Heimat eher vertraut, in denen noch nicht die Sprache des Wilden Westens Einzug gehalten hatte. Dort wurden noch die Kredite nach bewährten Regeln und Erfahrungen vergeben, die vor allem auf Vertrauen basieren. Diesen Banken vertrauen sie ihre Ersparnisse an, ihnen sind 2,5 % Zinsen in der Hand lieber als 25 % von Hochseil-Artisten!

Wem vertraut ihr – feiert mit Euren Vertrauten ein „Vertrauensfest“, so wie ich, als ich aufhörte ein Kreditdirektor zu sein.

Wenn Ihr / Sie die Geschichte weitererzählt(en), freue ich mich.

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